Porträt Über T. Galia

„Wie ein besoffenes Baby im Nebel“

Im Polnischen Theater wird Deutsch gesprochen - und aus Leidenschaft gespielt

Ricarda Richter

In einem unscheinbaren Wohnhaus in der Düppelstraße versteckt sich die vielleicht bemerkenswerteste Kultureinrichtung Kiels. Das Polnische Theater ist mit nur 45 Sitzplätzen ein echtes Kleinod, doch wie in keiner anderen Spielstätte der Landeshauptstadt ist auf die Qualität der Darbietungen Verlass. „Unser Theater ist von Anfang an immer ein Ort für Neugierige gewesen“, sagt Tadeusz Galia, Begründer, Intendant und Schauspieler in Personalunion. Der Herr mit Vollbart, ausdrucksstarken Augen und polnischem Akzent ist genau wie sein Theater ein echtes Unikat. Ursprünglich Darsteller am Staatlichen Modernen Theater in Breslau und Dozent der dortigen Schauspielschule, floh er vor 34 Jahren nach Deutschland, um seiner Leidenschaft hier ohne staatliche Vorgaben und Repressionen nachkommen zu können.

Als 1981 in Polen das Kriegsrecht verhängt wurde und Galia sich weigerte, die Loyalitätserklärung an die polnische Regierung zu unterschreiben, wurde er am folgenden Tag von seiner Lehrtätigkeit als Dozent suspendiert. „Von dem Moment an wusste ich, dass mir nur wenig Zeit bleiben würde“, berichtet er. Seine letzte Chance sei ein internationales Theaterfestival in Mannheim und Esslingen gewesen von dem er sich entschloss, nicht mehr zurückzukehren.

Dass er von dort aus schließlich im hohen Norden landete, sei reiner Zufall gewesen. „Die einzige deutsche Telefonnummer, die ich besaß, war die eines Freundes aus Kiel.“ Doch der Start in der ungewohnten Umgebung sei ein holpriger gewesen. „Ich habe mich damals gefühlt wie ein besoffenes Baby im Nebel“, sagt Galia und bleibt ernst. Seine erste Begegnung mit Kiel war am Bahnhof am verregnetem spätnachmittag. Dort wo heute Sophienhof zum Verweilen einlädt, standen kaputte, noch vom Krieg gezeichnete Häuser. Sie wirkten alles andere als einladend. Dazu noch schien die Sprachbarriere unüberwindbar. Ein Workshop am Kieler Schauspielhaus schaffte es 1982 polnische Künstler zusammenzubringen, und ließ die Initiative Polnisches Theater in Deutschland e. V, entstehen, die bis heute die Grundlage für Galias Arbeit bildet. 17 Schauspieler standen bei der ersten Produktion auf der Bühne. Doch nach drei Aufführungen (auf Polnisch) im Ball Pompös, dem heutigen MAX, blieben die Zuschauer aus. Zu klein war das polnischsprachige Publikum in Kiel, um eine dauerhafte Nachfrage zu gewährleisten. „Von da an wussten wir, dass wir auf Deutsch würden spielen müssen.“ Lange Zeit lernte Galia die Texte nur auswendig, oft ohne überhaupt zu wissen, was er während der Vorstellung gerade von sich gab.

Doch die Taktik “ging auf. Die Kieler waren begeistert - und kamen wieder.

Das Publikum von damals ist ihm bis heute treu geblieben. Die stets unbekannten Stücke sucht Galia selbst aus. Als freies Theater muss hier kein Bildungsauftrag erfüllt werden, kein Klassiker auf dem Spielplan stehen. Oft sind es unbequeme Themen, die den Zuschauer zum Nachdenken anregen, ihn aufwühlen und mit sich selbst konfrontieren. „Besser kann ein Stück nicht umgesetzt werden, als wenn das Publikum vergisst, dass es sich nur um Theater handelt“, sagt Galia. Genau dafür ist seine Spielstätte bekannt geworden und die ersten Vorstellungen jeder neuen Produktion sind oft schon weit im Voraus ausverkauft. Tadeusz Galia ist sich der hohen Erwartungen bewusst, aber auch sichtlich stolz: „Das größte Kompliment ist, wenn jemand anruft, um Karten zu bestellen und zum Schluss erst fragt: „Was spielen Sie gerade eigentlich.“

Einziger Wermutstropfen ist das inzwischen gealterte Publikum. In den Anfangsjahren war dies umgekehrt, die Skepsis gegenüber einem freien Theater bei den konservativen Bürgern hoch, während die Jungen die Reihen füllten. „Ich bin als einziger jung geblieben, alle anderen alt geworden“, sagt Galia lachend, der inzwischen Rente bezieht. Heutzutage freue er sich, wenn er mal ein junges Gesicht sehe.

Vom Theater leben konnte Tadeusz Galia nie. Nach seiner Flucht aus Polen war er stets auf Sozialhilfe angewiesen - genau wie die meisten anderen Mitarbeiter. „Einen angemessenen Lohn zahlen können wir nicht“, so Galia. Wer sich dafür entscheide, hier mitzuspielen, tue dies aus reiner Leidenschaft - und müsse bereit sein, dem Theater mindestens ein halbes Jahr seines Lebens zu widmen. Verträge gäbe es nicht, alles werde per Handschlag besiegelt und vor allem müsse sich ein jeder aufeinander verlassen können. Manchmal habe er das Gefühl, dass ein freies Theater bedeute, vor allem frei von Geld zu sein. Die Verwaltungsaufgaben erledige er nachts und ansonsten gelte die Devise, dass es keine Arbeit gebe, die nicht zu schaffen sei. Unterstützung bekommen Galia und seine Frau von vielen ehrenamtlichen Helfern, die bei Beleuchtung, Bühnenbild und Kostümen helfen und dafür lediglich einen warmen Kaffee erhalten.

Trotz all der Schwierigkeiten ist Tadeusz Galia glücklich in Deutschland und vor allem in Kiel. Nach Polen zurückzukehren kommt für ihn nicht mehr infrage. „Eines Tages dann, als ich aus dem Italienurlaub zurückkam, da habe ich hinter Hamburg auf einmal Herzklopfen bekommen“, sagt er bedächtig und lächelt. Von dem Moment an sei ihm klar gewesen, dass er hier nun zuhause sei.

“Der Albrecht” Januar 2016